II.1.10 Biotechnologie, Gesellschaft und Umwelt Nächster Text Vorheriger Text Inhalt Browser Suchen Hilfe

II.1.10 Biotechnologie, Gesellschaft und Umwelt

Die vorgestellten molekularbiologischen und biotechnologischen Forschungsgebiete und Entwicklungsfelder lassen eine Fülle von Anwendungsmöglichkeiten erkennen und sie geben einen deutlichen Eindruck von der Dynamik der Entwicklung der letzten 15 Jahre. Als Mitte der 80er Jahre die Einrichtung der molekularbiologischen Forschungsschwerpunkte in der Universität und der biotechnologischen Arbeitsbereiche in der TUHH geplant wurde, ist sowohl in den Hochschulen wie auch in Senat und Bürgerschaft die Notwendigkeit gesehen worden, die sich abzeichnenden Wirkungsdimensionen in einem eigens dafür einzurichtenden Forschungsschwerpunkt zu untersuchen. 1988 wurde der Forschungsschwerpunkt „Biotechologie, Gesellschaft und Umwelt“ (BIOGUM) in der Universität eingerichtet und mit der Aufgabe betraut, die sozioökonomischen, ökologischen und kulturellen Voraussetzungen und Folgen der biotechnologischen Innovationen zu untersuchen, insbesondere im Hinblick auf die Forschungen der neuen molekularbiologischen Zentren. Der Forschungsschwerpunkt wurde zunächst mit Stellen für zwei Projektgruppen ausgestattet. Die Arbeiten der einen Forschergruppe sind ausgerichtet auf die Problemfelder, die aus den Möglichkeiten resultieren, transgene Kulturpflanzen zu züchten und diese für die landwirtschaftliche Produktion bereitzustellen. Die Untersuchungen konzentrieren sich auf die Fragen, die die Freisetzung von transgenen Nutzpflanzen betreffen, speziell im Hinblick auf die ökologischen Auswirkungen eines möglichen großflächigen Anbaus. Unter ökonomischen Gesichtspunkten sind hier die Auswirkungen auf die Agrarpolitik der EU ebenso von Interesse, wie das Zusammenwirken ökologischer und ökonomischer Parameter in den Ländern der sog. Dritten Welt. Das Bevölkerungswachstum, die weiter zunehmende Armut, die ökologischen Zusammenbrüche ganzer Regionen mit der Folge von Migration und Kriegen sind ein hochkomplexes Wirkungsgefüge, in das diese Innovationen aus den industrialisierten Ländern importiert werden.

Die zweite Forschergruppe, die derzeit eingerichtet wird, wird die Problemfelder identifizieren und untersuchen, die aus den neuen medizinischen Handlungsmöglichkeiten resultieren. Den hohen Erwartungen, mit gentechnischen Verfahren die Mechanismen und Funktionen schwerster, bisher nicht ursächlich zugänglicher Krankheiten aufzuklären und diese möglicherweise mit gentherapeutischen Methoden heilen zu können, stehen vielfältige offene Fragen gegenüber, die einer sorgfältigen Analyse bedürfen. Ein Problem, das schon seit längerem mit den fortschreitenden Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik bekannt ist, betrifft die weitere Öffnung der Schere zwischen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten. Mit den geplanten Versuchen zur somatischen Gentherapie treten zunächst die Fragen genetischer Stabilität der konstruierten Vektoren und deren Wirkung auf die Zielzellen in den Vordergrund. Neben diesen Sicherheitsfragen sind aber vor allem die Probleme zu untersuchen, die mit den Verfügungsmöglichkeiten über die genetischen Daten von Personen entstehen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Möglichkeiten, die die Grenze der Eugenik tangieren, und die mit dem Entwurf einer Europäischen Konvention zur Bioethik erneut aufgeworfenen Probleme der Schutzrechte einwilligungsunfähiger Personen.

Die hier aufgeworfenen Fragen des Schutzes der Menschenrechte und der Menschenwürde sind Ausdruck der Tatsache, daß die medizinischen Anwendungsmöglichkeiten der biotechnologischen Verfahren in unser gewachsenes kulturelles Selbstverständnis eingreifen. Daraus folgt, daß die Einrichtung dieses Forschungsschwerpunktes einen forschungs- und gesellschaftspolitisch hohen Stellenwert hat, denn die wissenschaftliche Erforschung der Risiken und der gesellschaftlichen Tragweite der biotechnologischen Innovationen ist eine unverzichtbare Voraussetzung für den verantwortlichen Umgang mit den neueröffneten Optionen.



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