Die Aufgabe der 1960 gegründeten Forschungsstelle bestand ursprünglich darin, die Entwicklung in Hamburg unter der nationalsozialistischen Herrschaft zu untersuchen. Dieses Aufgabenfeld wurde jedoch schon früh erweitert; so wurden die Voraussetzungen für den Aufstieg des Nationalsozialismus in Hamburg ebenso berücksichtigt wie die kurz- und langfristigen Folgen und Auswirkungen der NS-Herrschaft nach 1945. Das Arbeitsfeld der Forschungsstelle erweiterte sich, als sie im Jahre 1966 die umfangreichen Materialbestände der Hamburger Landesorganisationen von SPD und DGB übernahm und als Hamburger Bibliothek für Sozialgeschichte und Arbeiterbewegung integrierte. So gehörte nunmehr auch die Geschichte der Arbeiterbewegung und allgemeiner die neuere Sozialgeschichte Deutschlands zu den Aufgabengebieten der Forschungsstelle. Auf diese Weise hat sich die Forschungsstelle im Laufe der Jahre zu einem Institut für regionale und allgemeine Zeitgeschichte entwickelt.
Die Institutsbibliothek umfaßt etwa 55.000 Titel. Sie ist damit vermutlich die größte sozial- und zeitgeschichtliche Spezialbibliothek im norddeutschen Raum.
Im Mittelpunkt der Tätigkeit des Instituts steht die zeitgeschichtliche Forschung. Sie wird gefördert durch den Austausch mit anderen regionalen und überregionalen Forschungsinstitutionen in Deutschland und im Ausland. Dazu organisiert die Forschungsstelle wissenschaftliche Tagungen, wie z.B. zum Thema Nationalsozialistische und stalinistische Herrschaft - Möglichkeit und Grenzen des Vergleichs. Sie veranstaltet regelmäßig Institutskolloquien zu aktuellen Fragen und Forschungskontroversen und zu eigenen laufenden Forschungen. Die Forschungsstelle fördert den wissenschaftlichen Nachwuchs, sie betreut Dissertations- und Habilitationsprojekte.
Neben der Forschung gehört auch die Vermittlung der Forschungsergebnisse an die Öffentlichkeit zu den Aufgaben der Forschungsstelle. Sie gibt zwei Buchreihen heraus, veranstaltet Vortragsreihen und öffentliche Veranstaltungen, in denen über die neuen Forschungsergebnisse berichtet wird.
In der Reihe Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte, in der vorwiegend wissenschaftliche Monographien veröffentlicht werden, sind inzwischen mehr als dreißig Bände erschienen: zuletzt 1994 eine Dokumentation über Hamburgs ersten Bürgermeister nach dem Krieg, Max Brauer im Exil; 1993 eine große Studie über die bisher in der Forschung weitgehend unbekannten Liberalen im Widerstand, in deren Zentrum u.a. Hamburg mit Hans Robinsohn gestanden hat; 1992 eine Aufsatzsammlung zum Thema Die Deutschen und die Judenverfolgung im Dritten Reich; eine Untersuchung über das Bürgertum in der Revolution sowie eine Geschichte der katholischen Kirche in Hamburg im 20. Jahrhundert Das mühsame Zeugnis. Noch in diesem Jahr sollen in dieser Reihe veröffentlicht werden eine Kultur- und Sozialgeschichte der frühen Jahre der Bundesrepublik, Moderne Zeiten, eine Untersuchung über das Leben von Kriegerfrauen im Ersten und Zweiten Weltkrieg, sowie Alfred Kantorowiczs Tagebücher aus dem französischen Exil.
In der neuen Reihe Forum Zeitgeschichte sind bisher vier Bände
erschienen: 1994 eine Untersuchung über Die Geschichte der SPD in Hamburg
1945 - 1950 und eine
Studie über Mangelerfahrung, Lebenshaltung und
Wohlstandshoffnung in Westdeutschland in den fünfziger Jahren unter dem Titel Am
Beginn der Konsumgesellschaft. 1993 wurden zwei Aufsatzsammlungen
publiziert, eine zum Thema Norddeutschland im Nationalsozialismus und eine zur
Geschichte des nationalsozialistischen Krankenmordes in Hamburg Wege in den
Tod.
In dieser Reihe werden außerdem die Vorträge einer von der Forschungsstelle und der Universität Hamburg veranstalteten Vorlesungsreihe Hamburg im Dritten Reich. Ergebnisse neuer Forschungen veröffentlicht.
Um ihre Forschungsergebnisse über die engere Fachwelt hinaus einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln, veranstaltete die Forschungsstelle 1993/94 mit Hinblick auf die fünfzigsten Gedenkjahre 1993 und 1995 öffentliche Vortragsreihen zu den Themen Der deutsch-sowjetische Krieg, Geschichte des Bombenkrieges im Zweiten Weltkrieg und Hamburg im Dritten Reich. Diese Tätigkeit wird fortgesetzt mit einer Vortragsreihe Kriegsende in Europa.
Das Projekt Hamburger Lebensläufe - Werkstatt der Erinnerung, dessen Tätigkeit in besonderer Weise auf die Rückbindung in der Hamburger Bevölkerung angewiesen ist, hat mehrere Videofilme produziert und in öffentlichen Veranstaltungen vorgeführt (Trümmerjahre - Frauen in Hamburg 1943 - 1953 und Familie Riemann/Blumenthal, Grindelallee 139). Diese Filme werden über die Forschungsstelle und die Landesbildstelle auch an Institutionen der schulischen und politischen Bildung ausgeliehen. Zur Zeit beginnt die Auswertung des umfangreichen Interviewmaterials, das etwa 300 lebensgeschichtliche Interviews mit vom NS-Regime verfolgten Hamburgern umfaßt.
Gegenwärtig laufen in dem Bereich der Zeitgeschichte Hamburgs und Norddeutschlands mehrere Forschungsvorhaben, von denen einige vor dem Abschluß stehen: Studien über die nationalsozialistische Wohlfahrtspolitik am Beispiel Hamburgs, über die Struktur der nationalsozialistischen Herrschaft in Hamburg unter dem Gauleiter und Reichsstatthalter Karl Kaufmann, über die Arisierung und Rückerstattung jüdischen Besitzes in Hamburg und über die Kriegs- und Nachkriegserfahrungen in Hamburg.
Im Bereich der allgemeinen und vergleichenden Sozial- und Zeitgeschichte entstehen gegenwärtig kollektivbiographische Studien über die Führungsgruppe der Konzentrationslager-SS. Eine biographische Studie über Werner Best, den Chefideologen der Gestapo, Verwaltungsamtschef im besetzten Frankreich und Reichsbevollmächtigten für das besetzte Dänemark, steht kurz vor dem Abschluß. Weitere Untersuchungen gelten dem Schicksal von sogenannten Halbjuden im Dritten Reich und von jüdischen Überlebenden in Deutschland in der Nachkriegszeit. Darüber hinaus werden die Konferenzvorhaben Nationalsozialistische und stalinistische Herrschaft und Konzentrationslagerforschung 1995 mit weiteren Tagungen fortgeführt. Dem dritten Forschungsbereich der Forschungsstelle, der Geschichte der Arbeiterschaft und der Arbeiterbewegung, sind schließlich die laufenden Untersuchungen über die Zwangsarbeit in Hamburg während des Zweiten Weltkrieges und die Arbeitsmigration nach Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert zuzuordnen.
Es ist beabsichtigt, diese Forschungsfelder durch eine noch stärkere Berücksichtigung der Geschichte der Bundesrepublik zu ergänzen.