Das Projekt Literarische Kultur in Hamburg 1945 bis 1950, ist in den Jahren 1988 bis 1994 am Literaturwissenschaftlichen Seminar der Universität Hamburg durchgeführt worden, gefördert durch die VW-Stiftung und die Behörde für Wissenschaft und Forschung.
Die Untersuchungsperspektive des Projekts reicht über die historische Aufarbeitung der literarischen Produktion der Nachkriegszeit hinaus. Das zentrale Thema ist der bewußtseinsgeschichtlich tiefgreifende Einschnitt des Kriegsendes, der deutschen Kapitulation, des Endes der nationalsozialistischen Herrschaft - eine historische Zäsur, die damals von vielen Kulturschaffenden mit der Metapher die Stunde Null zu fassen versucht wurde.
Die Untersuchungen des literarischen Feldes in dem Zeitraum von 1945 bis 1950
rekonstruieren die Wiederbelegung und Neuorganisation des literarischen Lebens
in Hamburg: Die Formierung der verschiedenen Institutionen, die mit Literatur zu
tun haben - Verlage, Schriftstellerorganisationen, Behörden, Bibliotheken,
Buchhandel, Literaturkritik, Universität, Rundfunk, Zeitungen und
Zeitschriften, Theater, Kabarett etc. - und die Aktivitäten, Äußerungen
und Ziele einzelner Personen in diesem Feld zeigen eine spezifische Mischung aus
Rückgriff und Neuanfang und reflektieren die Spannung zwischen
Restauration und Modernisierung.
Die Erschließung der vielfältigen Quellen brachte trotz pragmatischer Beschränkungen - nicht berücksichtigt werden konnten Theater, Film, Universität und Schule, Englische Besatzungsverwaltung und kirchliche Organisationen - eine enorme Datenmenge zusammen, die - wie in einer konventionellen Bibliothek geordnet - in einem Computer-Programm erfaßt wurde und auch optisch auf dem Bildschirm mit Hilfe eines Katalogs eingesehen werden kann. Mit dieser Aufbereitung aller projekteigenen Informationen ist eine komfortable Nutzung des Datenbestandes auch durch externe Interessenten möglich.
Der Datenbestand gliedert sich nach drei großen Recherche-Komplexen:
Neben dem elektronischen Archiv - und durch Transkriptionen, Verweise, Auswertungen mit ihm verkoppelt - besteht ein umfangreiches konventionelles Archiv (Akten, Briefe, Kopien aus Zeitungen und Zeitschriften, Materialien aus Verlagen und Buchhandel, Texte und Unterlagen von Autorinnen und Autoren sowie aus verschiedenen Institutionen, u.a. dem NWDR, verschriftlichte Interviews usw.).
Damit ist ein Informationskomplex zusammengetragen und aufbereitet worden, der es ermöglicht, das literarische Feld als soziokulturellen historischen Raum zu interpretieren, in dem das Geflecht der Bezüge zwischen Personen, Instanzen und Institutionen definiert, was zu einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Raum Literatur heißt und ist.
Aus diesem kultursoziologischen Ansatz ergaben sich die Fragen, denen die Forschungsarbeit konkret nachgegangen ist, z.B.: Was gilt das literarische Wort in jenen Jahren in Hamburg? Bei wem gilt welches literarische Wort? Und in welchen administrativen, organisatorischen,
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Die Befunde für die literarische Kultur Hamburgs in der ersten Nachkriegszeit weisen viele Übereinstimmungen mit den überregionalen Entwicklungen auf, aber auch charakteristische Besonderheiten. Einige Hinweise:
Das literarische Feld insgesamt verändert sich in der ersten, unmittelbaren Nachkriegsphase schnell und gravierend. Allerdings muß zwischen den einzelnen Bereichen stark differenziert werden. Nachweisbar ist eine komplexe Mischung aus Vakanz und Kontinuität in der historischen Situation, die je nach Merkmalsbefragung und Interpretationsebene ein unterschiedliches Maß an Neukonstituierung erkennen läßt.
Die Neukonstituierung des literarischen Bereichs ist vor allem eine der Literaturverhältnisse, der wirtschaftlichen und politischen Vorzeichen, unter denen Literatur produziert und geäußert wird. Die zentralen Verwaltungs- und Legitimierungsinstanzen existieren nicht mehr, regionale Verbindungen und Verbände treten wieder an ihre Stelle. Feststellbar sind veränderte Gruppenzusammensetzungen, Neugründungen und Neuorientierungen der Institutionen und Unternehmen des
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Hans Erich Nossak während der Hamburger Buchwoche 1951 |
Mit dem Ausscheiden einer nicht sehr großen Zahl von expliziten NS-Schriftstellern aus dem öffentlichen literarischen Leben Hamburgs übernehmen andere, während der faschistischen Diktatur in Deutschland gebliebene Autoren das öffentliche Wort und die Spitzenpositionen der neuen und alten Verbände. Auffällig ist bei vielen von ihnen eine Kontinuität der eigenen literarischen Praxis, über die Zäsur von 1945 hinaus, unter anderen Prämissen, nicht immer mit anderen Inhalten und noch seltener in anderen Formen. Betrachtet man etwa die Sprache selbst, z.B. die Metaphorik, so sind nur sehr wenige Autoren auffindbar, die nach dem Mai 1945 anders schreiben als vorher. Der Rundfunk bildet hierbei eine Ausnahme, wohl auch bedingt durch eine andere Genreorientierung.
Diese konservative ästhetisch-politische Normsetzung ist im Hamburger Feld dominant. Sowohl politisch als auch literarisch anders orientierte Stellungnahmen bilden deutliche Gegenpole. In der Mehrzahl beschränkt sich die Orientierung der Buchliteratur am aktuellen, historischen und politischen Kontext vor allem auf die Vorworte.
Die Literatur der deutschen Emigranten findet sich vor allem in den Zeitungen und Zeitschriften der Briten, weit geringer ist ihr Wert im regionalen literarischen Raum der Hamburger Autoren und Autorinnen. Ähnlich ist die relative Konjunktur für ausländische Autoren in Verbindung mit dem politischen Thema der Europäisierung einzuschätzen. Rückkehrende Emigranten finden selten den Weg nach Hamburg; Ausnahmen sind z.B. Martin Behaim-Schwarzbach oder Peter Martin Lampel.
Auffällig häufig wird die Thematik des Soldatseins und des Krieges aufgenommen, damit auch die Folgen - Vertreibung, Versehrtheit, Familientrennung und -zerfall. Wenig dagegen kommen Faschismus und Nationalsozialismus vor. Sie werden in nur wenigen Publikationen, zumeist aus der Opferperspektive von KZ-Häftlingen, in persönlicher Berichtsform, dargestellt.
Ausdruck des weitreichenden Konservatismus ist gegen Ende des Untersuchungszeitraumes die Schmutz-und-Schund-Debatte, die Kampagne gegen die Kioske und ihre Heftchenliteratur. Von offizieller, politischer Seite wird dieser Konservatismus im sozialen Raum durch Preisverleihungen unterstützt und hoch legitimiert. Den ersten Lessing-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg erhält Rudolf Alexander Schröder.
Was das Verhältnis des literarischen Feldes zu anderen Räumen des gesellschaftlichen Lebens angeht, so ist ein außerordentlich geringer Stellungwert des Geistes für die ökonomischen und politischen Felder der Stadt festzustellen. Es gibt keine Teilhabe der Kulturschaffenden an den Aktivitäten der allgemeinen Politik. Ihr Mitwirken betrifft die Belange des eigenen Bereiches, also etwa Kulturveranstaltungen, Preisvergaben usw. Es gibt nur wenige Autoren, die auch im regionalen politischen Feld eine Position besetzten, wie z.B. Erich Lüth.
Andererseits erzeugen die neuen politischen Rahmenbedingungen einen starken Legitimierungsdruck für die literarischen Praktiken. Weniger offensichtlich, aber um so machtvoller, bestimmen die neuen ökonomischen Verhältnisse die Literatur dieser Jahre, zunächst durch die Regionalisierung und damit starke Einschränkung eines überregional orientierten Marktes, durch dessen Zwangsbewirtschaftung, und später durch die neuen Verhältnisse der Marktwirtschaft und die erneute überregionale Ausweitung.
Allgemeine Folgerungen aus den einzelnen Ergebnissen des Projekte:
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Wolfgang Borchert |
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Hans Henry Jahnn |
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Axel Eggebrecht |
Das Projekt Literarische Kultur in Hamburg 1945 - 1950 kann mit seinem umfangreichen Archiv und mit den gewonnenen Erkenntnissen als eine Art begrenzter Modellfall für die Erforschung des konkreten literarischen Lebens einer sehr aufschlußreichen Zeitspanne der jüngsten Geschichte gelten. Auch methodisch haben sich wichtige Folgerungen für Versuche ergeben, aus Quellmaterial eine computergestützte Analyse des Beziehungsgeflechts der literarischen Praktiken, Positionierungen und Wertsetzungen zu ermöglichen.
So war es nur konsequent, daß einige der beteiligten Wissenschaftler die erarbeiteten Einsichten nutzten, um ähnliche Fragestellungen für eine andere markante Zäsur unserer jüngsten Geschichte anzuwenden, in einem Forschungsprojekt über die literarische Situation in Mecklenburg-Vorpommern nach 1989. Feldtheoretisch sind die strukturellen Analogien unübersehbar, auch wenn die politischen, sozio-ökonomischen und kulturellen Faktoren sich ganz anders fügen zum Muster einer Neuordnung des Literaturlebens.
Verbindungen thematischer Art und z.T. auch im Materialfundus bestehen zur Hubert-Fichte-Arbeitsstelle und zum Hans-Henny-Jahnn-Archiv, am Literaturwissenschaftlichen Seminar. Und vielfältig sind die Bezüge zu weiteren Forschungsarbeiten über die Nachkriegszeit, etwa zum DFG-Projekt über die Fünfziger Jahre am Historischen Seminar.