II.7.3 Literarische Kultur in Hamburg 1945-1950 Nächster Text Vorheriger Text Inhalt Browser Suchen Hilfe

II.7.3 Literarische Kultur in Hamburg 1945-1950

Das Projekt „Literarische Kultur in Hamburg 1945 bis 1950“, ist in den Jahren 1988 bis 1994 am Literaturwissenschaftlichen Seminar der Universität Hamburg durchgeführt worden, gefördert durch die VW-Stiftung und die Behörde für Wissenschaft und Forschung.

Die Untersuchungsperspektive des Projekts reicht über die historische Aufarbeitung der literarischen Produktion der Nachkriegszeit hinaus. Das zentrale Thema ist der bewußtseinsgeschichtlich tiefgreifende Einschnitt des Kriegsendes, der deutschen Kapitulation, des Endes der nationalsozialistischen Herrschaft - eine historische Zäsur, die damals von vielen Kulturschaffenden mit der Metapher „die Stunde Null“ zu fassen versucht wurde.

Grafik1 Die Untersuchungen des literarischen Feldes in dem Zeitraum von 1945 bis 1950 rekonstruieren die Wiederbelegung und Neuorganisation des literarischen Lebens in Hamburg: Die Formierung der verschiedenen Institutionen, die mit Literatur zu tun haben - Verlage, Schriftstellerorganisationen, Behörden, Bibliotheken, Buchhandel, Literaturkritik, Universität, Rundfunk, Zeitungen und Zeitschriften, Theater, Kabarett etc. - und die Aktivitäten, Äußerungen und Ziele einzelner Personen in diesem Feld zeigen eine spezifische Mischung aus Rückgriff und Neuanfang und reflektieren die Spannung zwischen Restauration und Modernisierung.

Die Erschließung der vielfältigen Quellen brachte trotz pragmatischer Beschränkungen - nicht berücksichtigt werden konnten Theater, Film, Universität und Schule, Englische Besatzungsverwaltung und kirchliche Organisationen - eine enorme Datenmenge zusammen, die - wie in einer konventionellen Bibliothek geordnet - in einem Computer-Programm erfaßt wurde und auch optisch auf dem Bildschirm mit Hilfe eines Katalogs eingesehen werden kann. Mit dieser Aufbereitung aller projekteigenen Informationen ist eine komfortable Nutzung des Datenbestandes auch durch externe Interessenten möglich.

Der Datenbestand gliedert sich nach drei großen Recherche-Komplexen:

  1. Literarische Texte, die in Hamburg zwischen 1945 und 1950 veröffentlicht wurden (Bücher, Hefte, Zeitraums- und Zeitschriftenartikel, Vorträge, Hörfunkbeiträge etc.);
  2. Materialien zum literarischen Leben aus den Bereichen: Verlage, Buchhandel und Buchausleihen, Autoren und Autorengruppierungen, Zeitungen und Zeitschriften, Rundfunk, demographische Daten, politische und ökonomische Maßnahmen;
  3. Zentrale Agenturen des literarischen Lebens: N(W)DR, Akademie der Künste, Schutzverband Deutscher Autoren Nordwest, Norddeutscher Buchhändler- und Verlegerverband, Kulturamt/Kulturbehörde, Rowohlt, Hoffmann & Campe, Hamburger Freie Presse, etc.

Neben dem elektronischen Archiv - und durch Transkriptionen, Verweise, Auswertungen mit ihm verkoppelt - besteht ein umfangreiches konventionelles Archiv (Akten, Briefe, Kopien aus Zeitungen und Zeitschriften, Materialien aus Verlagen und Buchhandel, Texte und Unterlagen von Autorinnen und Autoren sowie aus verschiedenen Institutionen, u.a. dem NWDR, verschriftlichte Interviews usw.).

Damit ist ein Informationskomplex zusammengetragen und aufbereitet worden, der es ermöglicht, das literarische Feld als soziokulturellen historischen Raum zu interpretieren, in dem das Geflecht der Bezüge zwischen Personen, Instanzen und Institutionen definiert, was zu einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Raum „Literatur“ heißt und ist.

Aus diesem kultursoziologischen Ansatz ergaben sich die Fragen, denen die Forschungsarbeit konkret nachgegangen ist, z.B.: Was gilt das literarische Wort in jenen Jahren in Hamburg? Bei wem gilt welches literarische Wort? Und in welchen administrativen, organisatorischen,

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sozialen wie ökonomischen Zusammenhängen kommt es jeweils zustande? Konkreter gefragt: Welche Literatur wird in jenen Jahren in Hamburg gelesen und gehört? Welche Inhalte und Formen der Literatur sind es, die viel gelesen werden? Und sind diese auch diejenigen, die als wichtig und wertvoll anerkannt werden? Welche Gruppen bestimmen das literarische Leben in der zerstörten Hansestadt und wie finden sie sich zusammen? Wie wählen die britischen Besatzer z.B. die Rundfunkmacher der ersten Stunden nach dem Krieg aus? Wer kann schon bald nach dem Mai 1945 wieder Bücher und Zeitschriften produzieren und wieso? Wem gelingen in diesen ersten Jahren nach dem Ende der Nazi-Diktatur in Hamburg Schriftstellerkarrieren? Und was bedeuten die restriktiven Grundbedingungen durch Zensur, Lizensierung und Registrierung, Papier- und Packmaterialzuteilung für die Buchproduktion in Hamburg? Was geschieht nach der Währungsreform und beim Übergang zur marktwirtschaftlich orientierten Wirtschaftsform?

Die Befunde für die literarische Kultur Hamburgs in der ersten Nachkriegszeit weisen viele Übereinstimmungen mit den überregionalen Entwicklungen auf, aber auch charakteristische Besonderheiten. Einige Hinweise:

Das literarische Feld insgesamt verändert sich in der ersten, unmittelbaren Nachkriegsphase schnell und gravierend. Allerdings muß zwischen den einzelnen Bereichen stark differenziert werden. Nachweisbar ist eine komplexe Mischung aus Vakanz und Kontinuität in der historischen Situation, die je nach Merkmalsbefragung und Interpretationsebene ein unterschiedliches Maß an Neukonstituierung erkennen läßt.

Die Neukonstituierung des literarischen Bereichs ist vor allem eine der Literaturverhältnisse, der wirtschaftlichen und politischen Vorzeichen, unter denen Literatur produziert und geäußert wird. Die zentralen Verwaltungs- und Legitimierungsinstanzen existieren nicht mehr, regionale Verbindungen und Verbände treten wieder an ihre Stelle. Feststellbar sind veränderte Gruppenzusammensetzungen, Neugründungen und Neuorientierungen der Institutionen und Unternehmen des

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Hans Erich Nossak während der Hamburger Buchwoche 1951

Literaturbetriebs. Letzteres betrifft insbesondere den Rundfunk, Zeitungen und Zeitschriften, in weit geringerem Maß die Verlage. Eine Öffnung des literarischen Bereichs für neue Akteure findet kaum statt. Die Rekonstruktionsversuche der internen Hamburger Verhältnisse von vor 1933, der personellen Kontinuität (Autoren, die während des Faschismus im Land geblieben sind) sind offenbar.

Mit dem Ausscheiden einer nicht sehr großen Zahl von expliziten NS-Schriftstellern aus dem öffentlichen literarischen Leben Hamburgs übernehmen andere, während der faschistischen Diktatur in Deutschland gebliebene Autoren das öffentliche Wort und die Spitzenpositionen der neuen und alten Verbände. Auffällig ist bei vielen von ihnen eine Kontinuität der eigenen literarischen Praxis, über die Zäsur von 1945 hinaus, unter anderen Prämissen, nicht immer mit anderen Inhalten und noch seltener in anderen Formen. Betrachtet man etwa die Sprache selbst, z.B. die Metaphorik, so sind nur sehr wenige Autoren auffindbar, die nach dem Mai 1945 anders schreiben als vorher. Der Rundfunk bildet hierbei eine Ausnahme, wohl auch bedingt durch eine andere Genreorientierung.

Diese konservative ästhetisch-politische Normsetzung ist im Hamburger Feld dominant. Sowohl politisch als auch literarisch anders orientierte Stellungnahmen bilden deutliche Gegenpole. In der Mehrzahl beschränkt sich die Orientierung der Buchliteratur am aktuellen, historischen und politischen Kontext vor allem auf die Vorworte.

Die Literatur der deutschen Emigranten findet sich vor allem in den Zeitungen und Zeitschriften der Briten, weit geringer ist ihr Wert im regionalen literarischen Raum der Hamburger Autoren und Autorinnen. Ähnlich ist die relative Konjunktur für ausländische Autoren in Verbindung mit dem politischen Thema der Europäisierung einzuschätzen. Rückkehrende Emigranten finden selten den Weg nach Hamburg; Ausnahmen sind z.B. Martin Behaim-Schwarzbach oder Peter Martin Lampel.

Auffällig häufig wird die Thematik des Soldatseins und des Krieges aufgenommen, damit auch die Folgen - Vertreibung, Versehrtheit, Familientrennung und -zerfall. Wenig dagegen kommen Faschismus und Nationalsozialismus vor. Sie werden in nur wenigen Publikationen, zumeist aus der Opferperspektive von KZ-Häftlingen, in persönlicher Berichtsform, dargestellt.

Ausdruck des weitreichenden Konservatismus ist gegen Ende des Untersuchungszeitraumes die Schmutz-und-Schund-Debatte, die Kampagne gegen die Kioske und ihre Heftchenliteratur. Von offizieller, politischer Seite wird dieser Konservatismus im sozialen Raum durch Preisverleihungen unterstützt und hoch legitimiert. Den ersten Lessing-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg erhält Rudolf Alexander Schröder.

Was das Verhältnis des literarischen Feldes zu anderen Räumen des gesellschaftlichen Lebens angeht, so ist ein außerordentlich geringer Stellungwert „des Geistes“ für die ökonomischen und politischen Felder der Stadt festzustellen. Es gibt keine Teilhabe der Kulturschaffenden an den Aktivitäten der allgemeinen Politik. Ihr Mitwirken betrifft die Belange des eigenen Bereiches, also etwa Kulturveranstaltungen, Preisvergaben usw. Es gibt nur wenige Autoren, die auch im regionalen politischen Feld eine Position besetzten, wie z.B. Erich Lüth.

Andererseits erzeugen die neuen politischen Rahmenbedingungen einen starken Legitimierungsdruck für die literarischen Praktiken. Weniger offensichtlich, aber um so machtvoller, bestimmen die neuen ökonomischen Verhältnisse die Literatur dieser Jahre, zunächst durch die Regionalisierung und damit starke Einschränkung eines überregional orientierten Marktes, durch dessen Zwangsbewirtschaftung, und später durch die neuen Verhältnisse der Marktwirtschaft und die erneute überregionale Ausweitung.

Allgemeine Folgerungen aus den einzelnen Ergebnissen des Projekte:

  1. Die literarische Kultur ist gekennzeichnet von einer bemerkenswerten „Langsamkeit“ gegenüber der Ökonomie und der Politik. Der Primat der Politik und Ökonomie in jener Zeit ist nicht hoch genug anzusetzen.

    Während in diesen Feldern, schnell und entschieden in die Wege geleitet und strategisch ausgeklügelt, innerhalb von wenigen Jahren nach Kriegsende -, kennzeichnet das literarische Leben eine unvermeidliche, „ungleichzeitige“ Langsamkeit. So scheitert z.B. ein junger Autor wie Ralph Giordano in den ersten Wochen nach Kriegsende an seinem Vorhaben, die verstörenden Erlebnisse der zwölf Jahre zur Familiengeschichte der „Bertinis“ in Romanform niederzuschreiben: „das weiße Stück Papier blieb weiß, und ich konnte nicht schreiben“. Andere, wie Hans Erich Nossack, finden auf lange Zeit ihren Platz nicht in der sich neu und wieder formierenden literarischen Szenerie.

    Die ästhetischen Strategien der Vergangenheitsbewältigung entwickeln sich vielfach zu spät, wie die Programmatiken des „Kahlschlags“ oder des „magischen Realismus“ in der schon anlaufenden Wirtschaftswunder-Ära.

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    Wolfgang Borchert

    Dagegen stehen die z.T. fragwürdigen Kontinuitäten, die anderen erlaubten, relativ schnell die Plätze zu besetzen und manchmal beinahe so weiterzumachen wie vor dem Kriegsende.

    Schneller als die langsamen Rhythmen der Autorinnen und Autoren, sind die Vorgänge bei den Verlagen, dem Buchhandel, den Zeitungen und Zeitschriften, dem Rundfunk ohnehin, also in den Sektoren des literarischen Feldes, die dem wirtschaftlichen und politischen Primat näher stehen. Schon Ende Mai 1945 treffen sich die Buchhändler und Verleger, um ihre Interessen zu koordinieren. Ende Juli werden die ersten Buchhandlungen registriert, im Oktober die ersten Verlage zugelassen.

    Aber die literarischen Vertreter der sogenannten „Jungen Generation“ brauchen fast zwei Jahre, bis sie mit Texten vernehmbar werden. Im Vorteil sind eher die daheimgebliebenen Traditionalisten, die nicht selten Manuskripte aus der Schublade ziehen können.

  2. Grafik5

    Hans Henry Jahnn

  3. Das historische Gedächtnis ist vergeßlich. Nicht die Namen, die wir heute mit der Nachkriegsliteratur verbinden, sind die Namen der damals Bekannten, Aktiven, Bestimmenden. Wolfgang Borchert oder Hans Henny Jahnn erscheinen unvergleichlich viel seltener in den Verlagsanzeigen, auf den Theater- und Radioprogrammen, in den Veranstaltungskalendern und Zeitungen als Ludwig Benninghoff, Walther von Hollander, Conrad Kayser, Adolph Wittmaack, Hans Harbeck, Max Sidow u.v.a.m.

    Das literarische Feld besetzen aber vor allem auch die „Klassiker“: Goethe, Schiller, Shakespeare, Defoe, Heine, Keller, Storm usw.

  4. Die ersten Nachkriegsjahre enthalten eine historische Chance für das literarische Hamburg. Der „Verlust“ Berlins, der Ausfall zunächst aller zentralistischen Institutionen für die Kultur und Literatur, die Flucht nach Westen, all dies schafft zunächst einen Bedeutungszuwachs für Hamburg. Es ist die größte Stadt innerhalb der westlichen Besatzungszonen, viele suchen den Weg dorthin: u.a. Helmut Käutner, Peter von Zahn, Axel Eggebrecht, Peter Bamm, Marion Gräfin Dönhoff, Ernst Sander, Rosemarie Schwerin, Veit Harlan, Mathias Wiemann, Ernst Schnabel, Ernst Rowohlt.

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    Axel Eggebrecht

    Aber die entstehenden Institutionen, die sich eröffnenden Arbeitsmöglichkeiten reichen nicht aus, um alle zu halten und weitere anzuziehen. Einige Versuche, die historischen Vorteile zu nutzen, scheitern - die „Akademie für Sprache und Dichtung“ wird nicht in Hamburg angesiedelt. Andere gelingen - die Etablierung der „Zeit“ und des „Spiegel“, auch des Rowohlt-Verlags. Insgesamt lastet aber auf Hamburg auch hier die Tradition, für die literarische Kultur die Tradition der regionalen Enge und einer gewissen Provinzialität. Kein Zufall, daß Nossack und Jahnn, Schnabel und Eggebrecht, Borchert und später Lenz abseits der tonangebenden Verbände, Gruppierungen und des Kulturmanagements stehen, daß Peter Martin Lampel oder Heinz Liepmann keine anerkannten Positionen im literarischen Feld erreichen.

Das Projekt „Literarische Kultur in Hamburg 1945 - 1950“ kann mit seinem umfangreichen Archiv und mit den gewonnenen Erkenntnissen als eine Art begrenzter Modellfall für die Erforschung des konkreten literarischen Lebens einer sehr aufschlußreichen Zeitspanne der jüngsten Geschichte gelten. Auch methodisch haben sich wichtige Folgerungen für Versuche ergeben, aus Quellmaterial eine computergestützte Analyse des Beziehungsgeflechts der literarischen Praktiken, Positionierungen und Wertsetzungen zu ermöglichen.

So war es nur konsequent, daß einige der beteiligten Wissenschaftler die erarbeiteten Einsichten nutzten, um ähnliche Fragestellungen für eine andere markante Zäsur unserer jüngsten Geschichte anzuwenden, in einem Forschungsprojekt über die literarische Situation in Mecklenburg-Vorpommern nach 1989. Feldtheoretisch sind die strukturellen Analogien unübersehbar, auch wenn die politischen, sozio-ökonomischen und kulturellen Faktoren sich ganz anders fügen zum Muster einer „Neuordnung“ des Literaturlebens.

Verbindungen thematischer Art und z.T. auch im Materialfundus bestehen zur Hubert-Fichte-Arbeitsstelle und zum Hans-Henny-Jahnn-Archiv, am Literaturwissenschaftlichen Seminar. Und vielfältig sind die Bezüge zu weiteren Forschungsarbeiten über die Nachkriegszeit, etwa zum DFG-Projekt über die Fünfziger Jahre am Historischen Seminar.



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