Das Institut für die Geschichte der deutschen Juden, 1966 als Stiftung
bürgerlichen Rechts gegründet, war die erste und zwanzig Jahre lang die
einzige Institution in der Bundesrepublik,
die sich ausschließlich der
Erforschung der deutsch-jüdischen Geschichte widmete. Unterhalten von der
Hansestadt Hamburg, hat das Institut drei Hauptaufgaben: die Erforschung der
Geschichte der deutschen Juden, die Heranbildung wissenschaftlichen Nachwuchses auf
diesem Gebiet und die Publikation von Forschungsergebnissen. Mit nur drei
Historikerstellen, einer Bibliothekarin und einer Halbtagskraft im Sekretariat ist das
Institut vom Umfang her klein im Verhältnis zur Vielfalt seiner
Aufgaben.
Das Institut verfügt über die größte Judaica Bibliothek in Norddeutschland mit zur Zeit etwa 30 000 Bänden, auch Werke in Hebräisch und Jiddisch. Neu hinzugekommen ist die Salomon Birnbaum Bibliothek, die etwa 800 Bände jüdischer Literatur umfaßt.
Die Präsenzbibliothek wird von Studenten, Wissenschaftlern und Medienvertretern genutzt und bringt eine umfangreiche Auskunfts- und Beratungstätigkeit mit sich. Schriftliche Anfragen gehen aus dem In- und Ausland ein. Auch für Einrichtungen der Stadt Hamburg ist das Institut beratend tätig, so im Hinblick auf Gedenktafeln, jüdische Friedhöfe, museale Präsentationen und Ausstellungen.
Als wichtigsten Schwerpunkt seiner Forschung hat das Institut in den ersten 25 Jahren seines Bestehens stets die historische Auswertung der einmalig vollständig erhaltenen Aktenbestände der jüdischen Gemeinden in Hamburg, Altona, Wandsbek und Harburg angesehen. Diese in der Bundesrepublik sonst nirgends anzutreffende Fülle der geretteten Dokumente zur jüdischen Überlieferung einer Großgemeinde bildete den wichtigsten Anlaß für die Gründung des Instituts. Von Beginn an hat das Institut in seiner Publikationsreihe Hamburger Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden allein 12 Bände Forschungen zur Geschichte der Juden im Hamburger Raum veröffentlicht, die alle im Institut entstanden. In dieser Reihe erschienen bisher insgesamt 20 Bände, zu denen auch die aus Anlaß des 25jährigen Bestehens vom Institut 1991 herausgegebene Festschrift gehört.
Durch die Neubesetzung der Leiterstelle des Instituts und einer Wissenschaftlerstelle fand eine Veränderung und Erweiterung der Forschungsarbeit statt. Fortgesetzt wird das Forschungsprogramm über die Geschichte der Juden Hamburgs; hinzu kommen Forschungen zur Frühen Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung hebräischer Quellen. Außerdem ist das Institut an einem internationalen Projekt des Leo Baeck Instituts beteiligt, einer Gesamtgeschichte der deutschen Juden in vier Bänden, die von acht Historikern aus den USA, Israel, England und der Bundesrepublik verfaßt wird.
Für 1996 bereitet das Institut ein internationales wissenschaftliches Symposion vor über eine der wichtigsten Quellen zur Geschichte der Juden in Hamburg und Deutschland um 1700, die Memoiren der Hamburger Kaufmannsfrau Glückel von Hameln.
Große Bedeutung für die Arbeit des Instituts hat die Kooperation mit verwandten Forschungseinrichtungen, vor allem mit jüdischen Institutionen in Israel und den USA, insbesondere mit dem Leo Baeck Institut, dem von Emigranten aus Deutschland 1955 gegründeten Forschungsinstitut für deutsch-jüdische Geschichte, das Abteilungen in New York, London und Jerusalem unterhält.
Eine besondere Verbindung besteht zwischen dem Joseph Carlebach Institut der Bar Ilan-Universität in Israel, das von der Tochter Joseph Carlebachs, Dr. Miriam Gillis-Carlebach geleitet wird, und dem Hamburger Institut und der Hamburger Universität. Joseph Carlebach war der letzte, 1942 in Riga ermordete Oberrabbiner von Hamburg, dessen Nachlaß sich in Israel befindet. Zur Zeit wird am Hamburger Institut ein Carlebach-Archiv aufgebaut, das der wissenschaftlichen Erforschung des Lebenswerkes von Joseph Carlebach dienen soll. Die intensiven Beziehungen zwischen dem Carlebach Institut der Bar Ilan-Universität und der Universität Hamburg finden ihren Ausdruck in gemeinsam veranstalteten Carlebach-Konferenzen, die abwechselnd in Hamburg und in Israel stattfinden.
Zu den im Institut erarbeiteten Forschungen zur Hamburger jüdischen Geschichte gehören eine umfangreiche zweibändige Edition von Dokumenten zur Geschichte der Jüdischen Gemeinde Hamburg im Zeitraum 1918 - 1933. Dieses Werk wird für die Zeit des Nationalsozialismus in weiteren Bänden fortgesetzt. 1995 soll eine ebenfalls zweibändige Publikation über den aktuellen Streitfall jüdischer Friedhof Ottensen erscheinen, die auch die damals entscheidenden rabbinischen Gutachten enthält. Als weiteren Beitrag zur Hamburger jüdischen Geschichte veröffentlichte das Institut zusammen mit der Landeszentrale für politische Bildung 1995 die Karte Jüdische Stätten in Hamburg. Ein Band über die Altonaer Juden im 18. Jahrhundert erschien 1994 aus dem Nachlaß des verstorbenen Günther Marwedel. Außerdem wird das Projekt zur Rekonstruktion des topographischen Grabregisters des aschkenasischen Friedhofs in der Königstraße (Altona) abschliessend bearbeitet.
Hinzuweisen ist abschließend auf zwei Sammelbände, die das Institut in Zusammenarbeit mit dem Historischen Seminar der Universität publizierte. 1989 erschien die Aufsatzsammlung Die Hamburger Juden in der Emanzipationsphase, die auf eine Tagung zusammen mit dem Hamburger Arbeitskreis für Regionalgeschichte zurückgeht. 1992 wurde der Sammelband Verdrängung und Vernichtung der Juden unter dem Nationalsozialismus herausgegeben, der die Beiträge einer Ringvorlesung an der Universität Hamburg enthält, die aus Anlaß der fünfzigsten Wiederkehr des Beginns der Deportationen stattfand. Inzwischen ist auch die Geschichte der nach 1945 neu begründeten jüdischen Gemeinden in Hamburg in die Forschungsarbeit des Instituts aufgenommen worden.