Das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH) wurde 1971 als Stiftung bürgerlichen Rechts gegründet. Stiftungsträgerin ist die Freie und Hansestadt Hamburg, vertreten durch die Behörde für Wissenschaft und Forschung. Mit der Gründung des Institutes folgte der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg einer Empfehlung des Wissenschaftsrates von 1970, die friedensrelevante Forschung verstärkt zu fördern. Laut Satzung ist es Zweck der Stiftung, sich im Rahmen der Friedensforschung speziell mit sicherheitspolitischen Problemen zu befassen und dabei die Kriterien von freier Forschung und Lehre, Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und Publizierung der Forschungsergebnisse zu erfüllen.
Gründungsdirektor des Institutes war General a.D. Professor Wolf Graf von Baudissin, der als Vater der Inneren Führung die Bundeswehr der Bundesrepublik Deutschland geprägt hat. Ihm folgte 1984 Bundesminister a.D. Professor Egon Bahr, der als Wegbereiter der Entspannungspolitik entscheidend zur Bewältigung und Überwindung des Ost-West-Konfliktes beigetragen hat. Im Juni 1994 wurde Dr. Dr. Dieter S. Lutz zum Stifungsvorstand und neuen Direktor des Institutes berufen.
Am IFSH sind in der Regel etwa 30 wissenschaftliche und nicht-wissenschaftliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen tätig. Zu ihnen gehören neben den wissenschaftlichen Referentinnen und Referenten gezielt auch Nachwuchswissenschaftler und ausländische Gastwissenschaftler.
Das Themenspektrum der Friedensforschung ist außerordentlich breit. Es findet in der Satzung des IFSH und im Namen des Institutes insofern eine Einschränkung, als der Schwerpunkt der Institutsarbeit bei friedenswissenschaftlichen Fragestellungen mit sicherheitspolitischen Bezügen liegen soll. Entsprechend standen im Mittelpunkt der Institutsprojekte der 70er und der beginnenden 80er Jahre Probleme der militärischen Kräfteverhältnisse und der kooperativen Rüstungssteuerung (arms control), Themen wie Rüstungsdynamik, Kriegsgefahr und Rüstungskonversion, die Suche nach sicherheitspolitischen Alternativen, aber auch konzeptionelle Fragen einer Neuen Europäischen Friedensordnung und eines Systems Kollektiver Sicherheit in und für Europa.
Eine kritische Bestandsaufnahme der praktizierten Sicherheitpolitik und die Analyse ihrer Alternativen führte Mitte der 80er Jahre zum Konzept der Gemeinsamen Sicherheit. Die Ausarbeitung dieses Konzeptes und die Bearbeitung seiner politischen und militärischen Bedingungen bildete in der zweiten Hälfte der 80er Jahre den Schwerpunkt der Institutsarbeit. In den letzten Jahren gehörten hierzu auch Fragen der konventionellen Stabilität und der strukturellen Angriffsunfähigkeit unter besonderer Berücksichtigung auch der Verhandlungen über konventionelle Streitkräfte in Europa.
Mit den politischen Umwälzungen in der vormaligen Sowjetunion und in
Osteuropa und dem Ende der politisch-militärischen Ost-West-Konfrontation
hatten sich die Prämissen Gemeinsamer Sicherheit praktisch erfüllt. In der
Folge richtete sich die Arbeit der IFSH u.a. auf die Diskussion der
revolutionären Umbrüche in den Staaten Mittel- und Osteuropas. Der Bereich
Rußland/Osteuropa und die gesamteuropäische Integration ist einer der
Schwerpunkte der Institutsarbeit. Darüber hinaus beschäftigt sich seit 1992
ein Teil der Institutsmitarbeiter und -mitarbeiterinnen
schwerpunktmäßig mit dem
Konzept einer Europäischen Sicherheitsgemeinschaft, in das die
Vorarbeiten des Instituts zu einem System Kollektiver Sicherheit und die
Resultate der Diskussion Gemeinsamer Sicherheit weitgehend einfließen. Eine
erste Studie zu einer Europäischen Sicherheitsgemeinschaft, die den
Umriß eines regionalen Systems Kollektiver Sicherheit entwirft, liegt
seit 1993 vor. Eine weitere umfangreiche Studie zu diesem Thema wird in den
kommenden Monaten folgen.
Daß kaum eines der gravierenden Probleme Europas gelöst werden kann, solange die Sicherheitsfrage nicht gelöst ist, macht die Neuordnung der europäischen Sicherheit zu einem vordringlichen Problem. Mitte der 90er Jahre ist allerdings festzuhalten, daß keines der großen Versprechen der vergangenen Jahrzehnte für die Zeit nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes sich erfüllt hat bzw. eingehalten wurde. Weder wurde eine Friedensordnung auf Dauer geschaffen, noch wurde die Institution Krieg endgültig beseitigt - im Gegenteil, die mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes verbundenen Hoffnungen wurden enttäuscht. Die wenigen Jahre danach - dieses ist bis heute die ernüchterndste Erfahrung - brachten Europa ein Vielfaches mehr an Kriegstoten als die Jahrzehnte des Kalten Krieges zuvor.
Friedensforschung ist also auch künftig im Rahmen ihres eher traditionellen Themen- und Arbeitssprektrums gefordert und notwendig. Seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes treten aber auch vermehrt nicht-militärische Bedrohungen der Sicherheit in den Vordergrund, sei es mit Blick auf ökonomische Probleme, resultierend zum Beispiel aus dem Massenelend und der Massenarmut der sogenannten Dritten Welt, sei es als ökologische Dimension, darunter der Raubbau an den Ressourcen ebenso wie die Vernichtung von Umwelt und Nachwelt, sei es als technologisch bestimmtes Konfliktpotential, darunter zivile Risiken ebenso wie militärischer Mißbrauch und vieles mehr. Unter Berücksichtigung des Satzungsauftrages und der Themenkontinuität der bisherigen Arbeitsschwerpunkte wird sich das IFSH deshalb künftig in seinen Projekten vor allem mit Konflikten globaler Reichweite, wachsender Zukunftsbedeutung, lebens- und existenzbedrohenden Charakters sowie latenter Gewaltsamkeit befassen. Generelles Forschungsziel ist die Prüfung bzw. die Erarbeitung kooperativer Strategien der Konfliktlösung und Gewaltvorbeugung in besonderer Ausrichtung auf Handlungsoptionen der Bundesrepublik Deutschland. Wie kann Deutschland entsprechend seinem Verfassungsauftrag dem Frieden in der Welt zu dienen, tätig werden, um zu einer Entwicklung beizutragen, in der Gewalt zwischen den Staaten verhindert wird und in der angesichts grenzüberschreitender Gefahren und Risiken für die Menschheit insgesamt eine Weltinnenpolitik - so auch der vorläufige Arbeitstitel des neuen Forschungsschwerpunktes - gefördert wird.
Von Kooperativer Rüstungssteuerung über Gemeinsame Sicherheit zu Kollektiver Sicherheit und Weltinnenpolitik zieht sich als Leitmotiv die Grundidee kooperativer Problemlösungen durch die friedens- und sicherheitspolitische Forschung des IFSH. Die Konzepte und konzeptionellen Ansätze wurden bzw. werden aus den sich wandelnden Rahmenbedingungen erarbeitet und auf die jeweils konkreten Handlungserfordernisse zugeschnitten. Sie haben die internationale Sicherheitspolitik der 70er, 80er und 90er Jahre nicht nur analytisch erschlossen, sondern auch antizipierend und praxisorientiert begleitet. Realanalyse, konzeptionelle Kreativität und Praxisorientierung waren und sind prägende Merkmale der Institutsarbeit.
Die Ergebnisse der Institutsarbeit werden in einer Vielzahl von Schriften publiziert. Ein Großteil der Buchpublikationen erscheint in der bereits Mitte der 70er Jahre gegründeten Schriftenreihe Demokratie, Sicherheit, Frieden (DSF), ein Teil der Aufsätze in der Vierteljahresschrift für Sicherheit und Frieden (S + F). Die seit 1983 erscheinende Vierteljahresschrift ist nach wie vor die einzige sicherheitspolitische Fachzeitschrift in Deutschland; die wohletablierte Buchreihe DSF umfaßt mittlerweile einhundert Bände.
Das IFSH gibt darüber hinaus vier Reihen heraus: Die Hamburger Beiträge zur Friedensforschung und Sicherheitspolitik richten sich eher an fachwissenschaftliche Adressaten; die Hamburger Informationen zur Friedensforschung und Sicherheitspolitik sind dagegen für eine breitere Öffentlichkeit gedacht; die Pädagogischen Informationen schließlich sind auf die schulische und außerschulische Bildungsarbeit ausgerichtet. Ergänzt werden diese drei Veröffentlichungsreihen seit 1991 durch den Rundbrief IFSH-aktuell. IFSH-aktuell soll die interessierte Öffentlichkeit in knapper Form über neue Projekte, Veranstaltungen, aktuelle Stellungnahmen, Besucher und Publikationen des Instituts informieren. Alle vier Reihen bzw. deren Veröffentlichungen sind - soweit vorrätig - kostenlos erhältlich.
Neben diesen Reihen gibt das Institut seit 1987 zusammen mit der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft, Heidelberg, und der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung jährlich das Friedensgutachten heraus. Seit 1995 schließlich ist das IFSH mit der ehrenvollen Aufgabe betraut, das Jahrbuch der OSZE herauszugeben, also das Jahrbuch der 53 Staaten, die sich in der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit zusammengeschlossen haben.
Die Gesamtzahl der von den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des IFSH vorgelegten Veröffentlichungen beläuft sich pro Jahr auf mehr als 100 Bücher und Aufsätze. Die Ergebnisse des Institutes werden jedoch nicht nur schriftlich vorgelegt. Das IFSH bemüht sich vielmehr durch ständige Kooperation und eine Vielzahl von Diskussionen sowie über verschiedene Formen der Öffentlichkeitsarbeit nicht nur um die Vermittlung seiner Ergebnisse an in- und ausländische Institute und Fachexperten, sondern auch um ihre Umsetzung in Politik, Exekutive, Medien und Bildungseinrichtungen. Soweit qualifizierbar, beläuft sich die Öffentlichkeitsarbeit des Institutes auf mehr als 300 Aktivitäten pro Jahr. Daneben nehmen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Institutes (teilweise in ständiger Lehrtätigkeit) seit 1971 Lehraufträge an der Universität, an der Universität der Bundeswehr Hamburg und an anderen Hochschulen innerhalb und außerhalb Hamburgs wahr.
Zu den Serviceleistungen für die Öffentlichkeit gehören ferner die Bibliothek und die Dokumentation des Institutes. Beide sind zugänglich. In ihnen stehen annähernd 19.000 Bände, ca. 140 laufend geführte Zeitschriften und das ausgewertete Material aus etwa zwei Dutzend in- und ausländischen Zeitungen, sowie Presse- und Informationsdiensten zur Verfügung.
Die Arbeit des Institutes und die Ergebnisse seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden national und international diskutiert bzw. anerkannt. Eine Vielzahl von Besuchern und Gästen des Institutes belegen dies auch namhaft. Zu ihnen gehören z.B. der Friedensnobelpreisträger und frühere Staatspräsident der Sowjetunion Michael Gorbatschow, der Friedensnobelpreisträger und frühere Staatspräsident Cosa-Ricas Oscar Arias, der vormalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der derzeitige ungarische Ministerpräsident Gyula Horn oder kürzlich der griechische Verteidigungsminister Gerassimos D. Arsenis.
Aufgabe der Friedensforschung ist es, nach den Ursachen von Gewalt, insbesondere von Kriegen, zu suchen und Wege ihrer Überwindung vorzuschlagen. Für die Bewältigung dieser Aufgabe benötigt die Friedensforschung eine breite Unterstützung und eine gesicherte Ausstattung. Frieden ist zwar nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.