II.7.8 Politische Ikonographie Nächster Text Vorheriger Text Inhalt Browser Suchen Hilfe

II.7.8 Politische Ikonographie

Der kulturwissenschaftliche Blick auf die Geschichte beobachtet die jahrhundertealte Erfahrung der visuellen Inszenierung der politischen Macht der Herrschenden: die vornehme Kleidung, glanzvolle Begleitschaft, eine eindrucksvolle Garde, prächtige Zeremonien und Feiern gehören zu diesen Inszenierungen ebenso wie Paraden und Aufzüge, Gebäude und Gärten,

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Wilhem II. als Hl. Georg

Statuen, Denkmäler und Medaillen, Wasserspiele und Feuerwerke etc. In diesen Inszenierungen entdeckt die politische Ikonographie die Macht der Bilder gegenüber der Rede und der diskursiven Argumentation und ihren politischen Gebrauch. Diesem Thema widmet sich die Forschungsstelle „Politische Ikonographie“ des Kunstgeschichtlichen Seminars der Hamburger Universität.

Gegenüber dem gängigen Verständnis obrigkeitlicher Bildpolitik im Sinne herrscherlicher Selbstinszenierungen und Machtphantasien richtet sich die Aufmerksamkeit auf die aktive Rolle der Bilder im politischen Raum, d.h. auf das Wechselspiel zwischen Obrigkeit und den Adressaten. Diese reziproke Bedeutung der Bilder erschließt sich dem Beobachter dann, wenn mit den Bildintentionen der Obrigkeit zugleich die Erwartungen, Wünsche, Hoffnungen und Bedürfnisse der Adressaten mitgesehen werden. Wenn immer wieder Ratsherren ihr Regiment als ein salomonisches, ideales, gutes Regiment preisen, wenn Könige ihre Kriegszüge als Georgs- oder Herkuleskämpfe verklären, wenn Fürsten als Felsen im Sturm, als gute Hirten oder als seetüchtige Steuermänner gezeigt werden, oder wenn ein Potentat als neuer Augustus, Alexander oder Cäsar vorgestellt wird, dann muß das nicht allein bedeuten, daß die Herrschenden sich selbst so gesehen haben, sondern daß diese Verkleidungen auch ein fiktives Rollenspektrum darstellen, dem die Herrschenden entsprechen sollten, in dem sich also Erwartungen und Handlungsnormen ausdrücken.

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Kaiser Wilhelm II. in der Rolle des Steuermanns (1917)

Die Bilder interpretieren Normen und Wertvorstellungen und geben damit eine Ansicht des „politischen Raumes“. Daß diese eine Grafik3 zeitgeschichtliche Ansicht ist, zeigt sich u.a. in dem Umstand des historischen Alterns des Dargestellten; wird der fiktive Wertekatalog wie z.B. mit und nach der Französischen Revolution in die Verfassungen aufgenommen, so wird er als Gegenstand der künstlerischen Darstellung hinfällig.

Mit Blick auf die Gegenwart wird man in dem profanen Fiktionsapparat der visuellen Massenmedien nicht nur entdecken können, daß hier mit zahlreichen Motiven, Rezepten und Techniken gearbeitet wird, mit denen schon die alten Künste erfolgreich gewesen sind. Überdeutlich zeigt sich, daß nicht diskursive Argumentation die politische Meinungsbildung bestimmt, sondern daß sie überwiegend mit Hilfe visueller Inszenierungen erzeugt wird.

In dem Index zur Politischen Ikonographie, der von der Forschungsstelle am Kunstgeschichtlichen Seminar aufgebaut wird, sind bisher ca. 300.000 Fotokarten nach Schlagworten geordnet. Ein Großteil der Schlagworte bezieht sich auf die religiöse oder mythologische Verkleidung politischer Akte. Aber auch die Verbildlichungen und Personifikationen von Freiheit und Demokratie, von Recht und Macht, von Fortschritt und Revolution, von Herrschaft und Heroismus, von Krieg und Frieden etc. sind in diesem Index aufgenommen worden. Die Bestände des Archivs werden ergänzt durch die Informationsmöglichkeiten, die insbesondere der Mikrofiche-Katalog der Witt Library in London bereitstellt. Hier sind 1,2 Mio. Bilder aus allen Zeiten verfügbar, nach Ländern und Künstlern geordnet.

Mit Hilfe moderner Datenbanktechnologie ist es möglich, umfangreiche Bild-, Text- und Tondokumente digital zu repräsentieren, sie systematisch zu organisieren und sie einer Vielzahl unterschiedlicher Benutzerinteressen verfügbar zu machen. Durch Kooperation der Forschungsstelle für Politische Ikonographie und Wissenschaftlern des Fachbereichs Informatik ist ein Projekt entstanden, das eine sog. „Regierungsbank“ zum Ziel hat. Von einem einfachen Portrait-Katalog oder biographischen Lexikon unterscheidet sich die Regierungsbank grundlegend dadurch, daß sie die bildliche Information über die bloß physiognomische Ebene hinausführt und auf Handlungen, Ereignisse, Zeremonien, Überhöhungen etc. ausweitet. Indem sie zugleich diese Ebenen miteinander verknüpfbar macht und darüberhinaus auch schriftliche und filmische Dokumente heranzuziehen erlaubt, kann sich der Nutzer über die rein personale Identifikation hinaus die Strukturen politischer Repräsenation erarbeiten.

Die Politische Ikonographie und das Projekt Regierungsbank haben in dem von der Freien und Hansestadt Hamburg erworbenen und restaurierten Haus der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg einen traditionsreichen Standort erhalten.



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