Vorwort
Die Behörde für Wissenschaft und Forschung stellt mit dem hier vorgelegten Bericht Forschen für Hamburgs Zukunft der Öffentlichkeit ausgewählte Forschungsschwerpunkte vor, die aus der Sicht der Forschungspolitik besondere Bedeutung für die Stadt und die Region haben.
Der Bericht gibt also keine Gesamtdarstellung der Hamburger Forschungslandschaft; über das breite Spektrum der Forschungen informieren detailliert und regelmäßig die Forschungsberichte der Hochschulen und die Tätigkeitsberichte der außeruniversitären Forschungseinrichtungen.
Jede Auswahl aus diesem Spektrum ist unvermeidlich interessengeleitet und deshalb - aus einer anderen Perspektive - ungerecht. In einer Phase intensiver Diskussion über den Standort Deutschland ist die Forschungspolitik aufgefordert, ihren Beitrag zu den Problemen und Herausforderungen der weiteren gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklung deutlich herauszustellen. Unbestritten ist, daß Wissenschaft und Forschung die Lebensbedingungen unserer Zivilisation maßgeblich mitgeprägt haben, und daß diese wissenschaftlich-technische Zivilisation in ihrer weiteren Entwicklung verstärkt von der Innovationskraft aus diesen Bereichen abhängt. Unter dem Druck des immer schärfer werdenden internationalen Innovations-, Technologie- und Effizienzwettbewerbs wächst die Gefahr, die Entwicklung von Wissenschaft und Forschung und damit die Politik der Forschungsförderung ausschließlich auf die Produktion rasch anwendbaren Verfügungswissens auszurichten und damit das Innovationspotential auf die marktorientierte Produktion von technologischem Know-how zu reduzieren. Angewandte Forschung und technologische Entwicklung ohne erkenntnisorientierte Grundlagenforschung werden aber sehr bald ihre Innovationskraft verlieren, und sie werden dann letztlich auch unter wirtschaftlichen Aspekten unproduktiv.
Die einfach Alternative, die zwischen Grundlagenforschung und Angewandter Forschung unterscheidet, beschreibt aber nicht mehr angemessen die Wirklichkeit der Forschungslandschaft. Die Entwicklungen in den naturwissenschaftlichen Forschungsfeldern sind unauflösbar verknüpft mit technologischen Fortschritten. Die molekularbiologische Grundlagenforschung lebt ebenso von hochspezialisierten Techniken wie die Mikrostrukturforschung, und dieser immanente technologische Charakter der modernen naturwissenschaftlichen Forschung bedeutet andererseits, daß die Umsetzung in produktorientierte Innovationen keine zufälligen Spin-off-Effekte sind. Die biotechnologischen und materialwissenschaftlichen Entwicklungen sind Beispiele dafür, daß klassifizierende Unterscheidungen wie erkenntnisorientierte Grundlagenforschung, anwendungsorientierte Grundlagenforschung, technologieorientierte und problemorientierte Forschung nicht Alternativen der Forschung, sondern Phasen der Forschungsentwicklung bezeichnen. Die Forschungspolitik beweist also nicht erst dann ihre Praxisnähe, wenn sie die vielberufenen Schlüsseltechnologien fördert. Eine wichtige und grundlegende Aufgabe ist vielmehr, die Übergänge und die Integration dieses Prozesses zu fördern und d.h. durch problemorientierte Prioritätensetzung das Zusammenspiel von Grundlagenforschung, angewandter und technologieorientierter Forschung und Entwicklung in fachübergreifenden Kooperationen zu fördern und damit auch ein attraktives Potential für die zukünftige gesellschaftliche Entwicklung bereitzustellen.
In diesem breiten Aufgabenspektrum sind die forschungspolitischen Aktivitäten zu sehen, die derzeit zum Aufbau der molekularbiologischen und biotechnologischen Forschungsschwerpunkte mit dem Neubau des Zentrums für Molekulare Neurobiologie (DM 80 Mio.), zum Ausbau der modernen materialwissenschaftlichen Forschungsschwerpunkte mit dem Neubau eines Labors für Nanostrukturforschung (DM 20 Mio.), sowie zum weiteren Ausbau der Meeres-, Klima- und Umweltforschung geführt haben.
Die genannten Schwerpunktsetzungen sind Beispiele für die notwendige Prioritätensetzung, nicht nur mit Rücksicht auf die engen finanziellen Handlungsspielräume, sondern vor allem im Hinblick auf die künftige wirtschaftliche und ökologische Entwicklung der Region. Die stetig wachsende wirtschaftliche Bedeutung der Forschung ist Ausdruck der Technologieintensität der wirtschaftlichen Entwicklung. Die ökologische Bedeutung der Forschung kommt nicht nur dort zum Tragen, wo sie sich Umweltproblemen zuwendet, sondern zunehmend in Bereichen, die wiederum auch unter wirtschaftlichen Aspekten von großem Interesse sind, nämlich im Hinblick auf neue Technologien, die einen ressourcenschonenden Energie-, Material- und Rohstoffeinsatz sowie eine rationelle Prozeßführung erlauben und Produkte mit langer Lebensdauer und hoher Qualität ergeben.
Über die vielfältigen Potentiale und Entwicklungsperspektiven gibt der Bericht im Teil I einen Überblick unter standortpolitischen Gesichtspunkten.
Der Teil II stellt diese Potentiale in ihrem jeweiligen wissenschaftlichen Umfeld dar und ist bemüht, die ausgewählten Forschungsschwerpunktthemen dem interessierten Leser auch inhaltlich skizzenhaft vorzustellen.
Der Teil III gibt eine Übersicht über die Hamburger Forschungseinrichtungen und zeigt den politischen Stellenwert der Forschung im Spiegel der Forschungsausgaben.
Forschung entdeckt wissenschaftliches Neuland und sie ist deshalb auch mit Risiken behaftet. Forschungspolitik hat angesichts der Tragweite wissenschaftlicher und technologischer Innovationen die Aufgabe, die Rahmenbedingungen dafür mitzugestalten, daß die Chancen und Risiken der neueröffneten Handlungsmöglichkeiten verantwortlich wahrgenommen werden können. Die Wahrnehmung dieser Verantwortung durch die Wissenschaftler ist eine wissenschaftliche Aufgabe; sie hat die kritische Analyse der häufig sehr komplexen Wirkungszusammenhänge neuen Wissens und technischen Könnens zum Ziel. Die Forschungspolitik des Senats hat hier einen deutlichen Akzent gesetzt und die Forschung zur Technikfolgenabschätzung an den Hamburger Hochschulen nachhaltig unterstützt.
Die zweite Seite dieser Verantwortung ist die politische Aufgabe, durch einen offenen Dialog zwischen Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit die notwendige Transparenz herzustellen und in einem rationalen Diskurs die Chancen und Risiken abzuwägen. Zur Transparenz der Forschungsentwicklung und der Forschungspolitik für einen möglichst breiten Dialog mit der Öffentlichkeit soll auch dieser Forschungsbericht beitragen.
Eine wichtige Voraussetzung für eine attraktive Forschungslandschaft ist ein forschungsfreundliches Klima. Es kommt also darauf an, daß wir wieder darauf aufmerksam werden, wie nachhaltig die politische und geistige Kultur einer Metropolregion von Wissenschaft und Forschung geprägt werden.
Forschung und Entwicklung in den Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen sichern Arbeitsplätze, denn nur mit modernen Produkten und Produktionsverfahren wird Hamburg im nationalen und internationalen Wettbewerb bestehen können. 1996 wird Hamburg eine Stiftung mit einem Vermögen von 100 Mio. DM ausstatten, um aus den Erträgen Innovationen, insbesondere in mittelständischen Unternehmen, zu fördern. Für Hamburger Forscher ist das eine zusätzliche Herausforderung und Chance. Dieser Forschungsbericht zeigt, daß die Wissenschaftler darauf gut vorbereitet sind.
Prof. Dr. Leonhard Hajen
Präses der
Behörde für Wissenschaft und Forschung